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Sonntag, 26. Mai 2013

Wieso begann ich so zu fressen?

So, ich werde mich mal mit der Geschichte befassen, die meine extreme Fressucht auslöste und mir eine gewaschene Verzweiflung bescherte. Da habe ich noch etwas offen und für mich aufzuarbeiten.
Zumal die Sache jetzt für unser Team wieder aktuell geworden ist. Mir bleibt einfach nichts anderes übrig, als das nochmal aufzurollen und anzusehen. Diesmal aus der Distanz.

Das begann 2009 auf der Arbeit.
Ich habe eine stark gehbehinderte Kollegin. Die hat dieses Leiden seit ungefähr 20 Jahren. Der einzige Arzt zu dem sie ging, war ein Rheumatologe, der für sie sehr passend war, da er sie zu nichts anderem motivieren wollte und sie in der Beibehaltung ihrer Diagnose unterstützte. Ein Privatarzt, der für sein Geld weiß, was er zu tun hat. Ja,ja, sie hat Rheuma und Restless Legs. Grundsätzlich wirklich schlimme Krankheiten.
Von dem Rheumatologen bekam sie Cortison Tabletten, die sie sehr unregelmäßig genommen hat. Die Frau hatte immer starke Schmerzen und tat sich zunehmend schwer mit dem Gehen.
Tagtäglich hörten wir ihre Klagen und sie zeigte uns ihre stark geschwollenen Beine, kaum dass sie einer Ansichtig wurde.
Die Crux an der Sache ist aber die, dass wir mit einem anderen Team auf der selben Etage sind und deren Chef , der selbst schwer behindert ist, ein sehr guter Freund der behinderten Kollegin ist und darauf achtet, dass sie von niemanden blöd angequatscht wird.
Tja, weil grundsätzlich denkt man sich, dann sage ich es ihr, dass mich ihr Verhalten belastet (und ich es übergriffig finde).

2009 wurde sie überredet, in die Nervenklinik zu gehen um einmal zu erfahren, was bei ihr los ist und ob man medikamentös Adäquateres für sie finden kann. Und da ist dann herausgekommen, dass sie keine Restless Legs und kein Rheuma hat, sondern rezidivierende Multiple Sklerose.
Jeder Kollegin und jedem Kollegen in den 3 Stockwerken mußte sie von der Diagnose erzählen und das das nur eine Verlegenheitsdiagnose ist. OK.

Und dann ist es weitergegangen.
Sie fing an sehr leidend zu schauen, noch mehr zu klagen und dass ihr alles weh tut. Gleichzeitig erzählte sie sehr stolz, dass sie das Cortison und die Schmerztabletten wieder einmal einige Tage nicht genommen hat. Auch noch ihre Sache.

Aber, sie begann für sich selbst noch weniger Sorge zu tragen als eh schon. Saß da, eingesunken auf ihrem Stuhl und glotzte aus ihren langen Haaren, die nahezu das ganze Gesicht bedecken, hervor.
Meine Kolleginnen und Kollegen begannen sie zu fragen was sie denn braucht. "Anna, was brauchst du den, Anna darf ich dir einen Kaffee bringen. Anna, darf ich dir einen Hocker unter die Beine schieben. Anna, darf ich deinen Aussendienst mit mitmachen. Darf ich dir die Anträge schreiben......
Und sie bedankte sich nicht sondern sagte laut, "ja wenn ihr mir das tun wollt seid ihr selber schuld".
Die Kollegen, sagten mir, dass sie der Anna die Demütigung ersparen wollen um Hilfe zu bitten.

Dann begann es, dass sie sich weigerte alleine im Büro zu sein. Sie mußte dann nämlich das Telefon bedienen (cirka 5-6 Anrufe) und wenn es Unvorhergesehenes gab, sich darum kümmern. Das wollte sie nicht machen.
Eine Kollegin von mir sagte freiwillig ihren dreiwöchigen Urlaub für sie ab, damit nur ja genug Leute im Büro sind, damit sie nur ja nicht allein sein würde wenn unvorhergesehenes passieren würde. "Natürlich schaue ich auf dich, du sollst es gut haben hier".

Ich wurde während dieser Entwicklung immer fassungsloser und zorniger auf Anna und meine Kollegen. Weigerte mich bei diesem Affentheater mitzumachen.
Wir bekamen auch Probleme mit der Chefität, da sie ihre Arbeit nicht mehr ausreichend machte. Ich habe dann zu ihm gesagt, dass es Probleme mit der Krankheit und dem Verhalten von Anna gibt.
Diese Aussage wurde von ihm an den behinderten Leiter und Freund der Anna weiter getragen. Und zusammen mit meiner Weigerung auch für sie zu dürfen hat das halt eingeschlagen.


Kommentare:

  1. oh weh, da hat sich jemand von selbstmitleid zerfressen lassen. Ich denka da wie du, jemanden etwas abzunehmen, weil er/sie es zeitweise nicht, kann, ist eine sache, aber eine andere, deren arbeit von jetzt und für immer zu übernehmen. sie traut sich nun garnichts mehr zu. schade! aber wenn sie nichts machen kann, dann hat sie es wohl besser, wenn sie in invaliedenrente geht, oder?

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    1. Hallo Melly,
      das ist ja gerade das Problem, dass sie nicht in Rente gehen will. Denn Im Büro hat sie Kontakt und wird versorgt mit Kaffee, Wasser etc.
      Und was sich da an schräger Dynamik abgespielt hat!

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  2. Liebe ganga,

    das ist so typisch für das Thema Co-Abhängigkeit! Das schlimmste an dem ganzen sind aber Deine Kolleginnen, die die Frau noch hofieren und sich dann selbst besser fühlen, weil sie der "Armen" scheinbar nur geholfen haben, sich dabei aber nicht bewusst werden, dass sie dazu beitragen, dass es auch für die betroffene Kollegin so immer schlimmer wird. Nicht zuletzt unterstützen sie ihren "seelischen Abstieg" und auch ihr selbstschädigendes Verhalten. Eigentlich gehört Deinen Kolleginnen mal der Kopf gewaschen!

    Du hast vollkommen richtig reagiert und kannst stolz auf Dich sein, dass Du das so klar erkennen kannst, was sich da wirklich abspielt!

    Ich weiss, dass es oft schwer ist, wenn man klar Position bezieht und eben nicht mitmacht bei diesen "Spielchen". Ich bin mal in einem Forum offen von einer Dame angegangen worden, die sich selbst als "Gutmensch" bezeichnet und quasi davon lebt, dass sie andere bemitleidet, weil ich ganz klar sagte, wenn sie nicht aufhört eine der Damen im Forum ständig nur zu bemitleiden und ihr so weiterhin Futter für ihre Störung zu liefern, dann würde genau diese Frau irgendwann in der Psychiatrie enden. Du glaubst gar nicht, wie die mich angegangen ist und mich als "kalt und herzlos" beschimpft hat.

    Weisst Du, was das Ende vom Lied war? Ihr "Schützling" landete tatsächlich in der Psychiatrie und hat sich dann vom Forum abgewandt, weil selbst ihr klar wurde, dass dieses ständige hofiert werden ihr beinahe das Leben gekostet hätte.

    Bleib auf Deinem Weg Yafe, Du hast alles richtig gemacht, egal was alle anderen sagen!

    Liebe Grüsse
    Maja

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    1. Liebe Maja,

      dann fing das gemobbt werden an und dauerte bis Oktober 2012.Ich habe mir eigentlich gedacht, dass ich einen Fehler gemacht habe, ich hätte rein aus Selbstschutz mitmachen müssen, solange bis es denn anderen eh gereicht hat.

      Aber siehst du, auf die Idee mit dem Co-Abhängigkeit bin ich gar nicht gekommen. Und dass sich die Kollegen dann besser fühlen. Stimmt.

      Ja ich habe es klar erkannt, aber ich wäre bald selber draufgegangen.. Irgendwas habe ich da aber für mich nicht gut gelöst oder gesehen. Ich weiß es selbst noch nicht.

      Liebe Grüße
      ganga

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    2. Das mit dem Mobbing ist wirklich böse. Ich glaube, dass es auch dann,wenn Du mitgemacht hättest aus Selbstschutz, dabei nicht glücklich geworden wärst, denn es wäre ja auch ein Stück weit wie Selbstverleugnung gewesen!

      Kann es sein ganga, dass Du Dinge oft recht klar siehst und dann von den Leuten für Deine Sichtweise schief angemacht wirst? Vielleicht liegt es auch in der Kindheit - hat Dein Vater Deine Sichtweise gewertschätzt oder wurdest Du ignoriert, bestraft oder einfach nicht ernst genommen? Manchmal wiederholt sich solch ein Muster dann im Erwachsenenleben, nur mit anderen Protagonisten sozusagen.

      Ich wünsche Dir, dass Du das bald für Dich auflösen kannst!

      Liebe Grüsse
      Maja

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    3. Danke für deine Sichtweise.

      Liebe Grüße
      ganga

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    4. Es stimmt, dass ist eine Gabe die ich habe, tief zu sehen, Dinge zu sehen, die anderen nicht auffällt. Nur wollte und will das oft ein anderer nicht sehen.
      Da muss ich mich genau damit beschäftigen. Darum nochmals danke für die Anregung.

      Liebe Grüße
      ganga

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  3. dies kann aber nicht die Ursache für gestörtes Essverhalten sein, sondern nur der Auslöser.
    Die Art wie man auf seelischen Streß reagiert und wie man seine Umwelt wahrnimmt wird deutlich früher gelegt.
    Ich denke es ist an der Zeit die Ursache deiner Probleme zu beseitigen,damit du in Zukunft mit Belastungen, wie deine Kollegin oder deinen Vater, besser umgehen und dich besser abgrenzen kannst.

    LG

    Kati

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    1. Die Ursache für gestörtes Essverhalten. Weißt du, dass ich mich dies noch nie gefragt habe.
      Ursache für gestörtes Essverhalten, was ist das? Da muss ich jetzt tief in mich hineinhorchen und mich schlau machen. Das ist dann sozusagen bisher Symptombekämpfung. Besser Abgrenzen, ja in die Richtung habe ich schon gedacht und ich glaube auch gehandelt, mal sehen. Das werde ich im Post schreiben, denn das wird mehr.

      Liebe Grüße
      ganga

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  4. ich denke die ursache dafür wird in der kindheit gelegt, viell hat man es damals anders gelebt.
    man merkt selten das einen was belastet weil die umwelt einen so auf trapp hält das man auf alles achtet nur nicht auf sich selber. essen gibt innere ruhe ist eine beruhigung und befriedigt im ersten moment die bedürfnisse, bis das erwachen kommt und man feststellt das die waage nicht mehr der freund ist .es macht klick , man will abnehmen, aber alles hält nicht lange an, sodas man zunimmt. nun muss man schauen was man ändern kann , das ist auch nicht das umfeld, nur wenns geht, das ist die innere einstellung, ein verhaltensmuster das ausgebaut werden muss um innere zufriedenheit zu geben -ohne zu essen... schwierig, dafür wünsche ich dir viel erfolg. statt essen bewegen oder lesen ..ablenken , umdenken...
    alles liebe für die woche
    patty

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    1. Hallo Patty,
      das habe ich auch gemerkt, dass Essen mir durchaus eine Hilfe war. Ja, es hat mich beruhigt, ich habe mich glücklich gefühlt; Wenn ich in der Nacht nicht schlafen konnte, bin ich aufgestanden, habe gelesen, gestrickt etc. Aber erst wenn ich etwas gegessen habe ist es mir wieder gut gegangen und ich konnte schlafen.
      Ich habe nichts gefunden, was mir dieses Essen adäquat ersetzen konnte.
      Ich habe mir jetzt deinen Satz "das ist die innere einstellung, ein verhaltensmuster das ausgebaut werden muss um innere zufriedenheit zu geben -ohne zu essen... schwierig, dafür wünsche ich dir viel erfolg. statt essen bewegen oder lesen ..ablenken, umdenken..." in meinen Kalender geschrieben, denn da muss ich noch nachdenken und mit mir kommunizieren.

      Heist das praktisch, dass ich mein Leben mir so ausrichte, dass ich Rad fahren, Spazieren gehen, Duschen, CD's hören jeden Tag kultiviere und mit mir wohlig dabei bin. Das mir dann in schwierigen Situationen das Rad fahren erfüllender vorkommt als das essen.

      Liebe Grüße
      ganga

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  5. Hallo Ganga,
    ich habe vor etlichen Jahren eine psychosomatische Kur gemacht (3 Monate...). Der Schritt dahin war nicht einfach und nur durch die Vehemenz einer Freundin und einer Psychologin möglich. Denn damals war ich tatsächlich nicht in der Lage für mich zu sorgen oder auch nur irgendeine Entscheidung zu treffen. Der psychosomatischen Kur schloss ich eine Psychoanalyse an. Beides hat mir mehr als gut getan und mich zum leben gebracht....
    liebe Grüsse
    Gabriela

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  6. Hallo Gabriela,
    das hört sich schön an "...mich zum Leben gebracht...". Weil das wünsche ich mir auch: ich möchte leben, mich leben, ausleben, intensiv leben, innere Wände umstoßen etc.
    Aber das braucht Umdenken, anders handeln. Und dann vergesse ich es wieder, der Alltag schleicht sich ein.. Immer in Bewegung bleiben..

    Liebe Grüße
    ganga

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  7. MS ist natürlich eine schlimme Erkrankung aber ich kenne KEINE Patienten die sich deswegen so hängen lassen im Gegenteil sie kämpfen ums nackte Überleben denn man kann relativ gut und lange damit leben oder eben ratz fatz sterben. Oh man Urlaub absagen wegene iner Kollegin? Im Leben nicht.... oh man was für ein Theater....

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