Seiten

Montag, 4. April 2016

Körpereinsatz: Alles was man brauchen kann

Ich beobachte seit einigen Wochen, dass die Wohnung irgendwie unbewohnt wirkt. Die Fenster scheinen eigenartig blind zu sein. Ich bleibe aber auch nicht stehen um nachzusehen, was mich an den Fensterscheiben irritiert. So wichtig ist es mir dann doch nicht.

Vor einigen Tagen bekommt der Halbbruder vom Mieter einen eingeschrieben Brief. Es ist die Kündigung mit Ende April. Er sei jetzt auf Kur und komme anschließend in ein Pflegeheim. Mehr steht da nicht auf den handgeschriebenen Zettel.
Gut, der Mieter hat in den letzten Monaten schon sehr käsig ausgesehen und dass es ihm nicht gut geht, konnte ich mir schon vorstellen.
Aber der Mieter ist nicht alleine und seine Lebensgefährtin hat auch den Mietvertrag unterschrieben. Was ist mit ihr? Ist sie noch da?
Um die beiden ranken sich am Dorf ja einige Geschichten. Er war mit der Frau verheiratet, die die Kühe und Schafe verhungern und verdursten lies, hatte mit dieser Frau vor langer Zeit auch den Bauernhof betrieben. Was ich so höre, hat er im Leben nicht viel ausgelassen und meine damit nicht die schönen und guten Dinge. 
Die jetzige Frau hat er vor 12 Jahren auf einer Kur kennen gelernt. Sie war Pflegehelferin und weiß was sie will. Gesucht und gefunden. Der Deckel zum Topf.
Was weiß ich.

Letzten Sommer werde ich vom Amt der Landesregierung, Abteilung Soziales angeschrieben mit dem Ersuchen mich bei dem Herrn A. zu melden, wegen dem Mieter.
Der warnte mich vor der Schlitzohrigkeit des Mieters, wollte wissen ob dieser seine Miete bezahlt hat und riet mir bei Nichteinhaltung unserer Vereinbarungen keine Gnade walten zu lassen. Genau diese Worte hat er verwendet. Mehr durfte er mir aus Datenschutzgründen nicht sagen. Damit ließ ich es so sein.
Die Miete ist gekommen und ich hatte ein Auge und ein Ohr offen für Beobachtungen und Wahrnehmungen von Dorfbewohnern. Das sie ihn mal beim Metzger gesehen haben, ... auch dass er auszieht haben sie sofort gewusst. Dass die Wohnung frei wird. Und bevor wir es erfahren haben, dass die Mieter ausziehen, hat sich mir bereits eine Nachmieterin angetragen.

Es ist Wochenende, Sonntag früh und mir drängt sich ständig das Bauchgefühl und der Gedanke auf, dass ich ins Dorf zur Wohnung fahren soll. Weil’s nicht umsonst sein wird, packe ich mich zusammen und fahre hin.
Ein weißer Kastenwagen steht vor der Laderampe und ein Typ ladet Sachen ein. Er sei der Schwiegersohn der Mieterin.
Als ich mich kurz vom Auto wegdrehe schlägt er die Türen zu und stellt sich mit verschränkten Armen, so wie ein wuchtiger Türsteher, davor. Erst da komme ich drauf, dass etwas mit diesem Transporter nicht stimmen mag.
Jetzt muss ich schnell sein. Ich gehe zügig durch die Werkstatt in die Wohnung und verschaffe mir einen Überblick, so gut es geht. Einige Dinge fehlen, wie der Einbauherd in der Küche, eine Holztüre, an einer Wand sind nur mehr Löcher statt des Heizkörpers zu sehen und die Gartenbank vermisse ich auch. Die Fenster sind mit Leintücher abgedunkelt, weshalb das Glas von aussen spiegelt. Und weil ich begreife was da vor sich geht und es mir mit dem Knie besser geht und ich wieder etwas laufen kann, komme ich zum Haupteingang herausgerannt und stoppe den Kastenwagen mit meiner Person.
Der Typ wollte gerade mit Vollgas wegfahren!
Unglaublich.
Und da kann ich so etwas von stur werden, dass man mich wegtragen muss, mich überfahren muss, damit ich weiche.
Ich steh da vor dem Kastenwagen und das Arschloch meint mich einschüchtern zu können, in dem er immer wieder mit dröhnendem Motor bis knapp vor meine Kniescheiben fährt.
Ich vermute mal, dass er mich nicht überrollen wird, denn sonst hätte er es schon gemacht.
Ich blase mich auf, damit ich sehr schwer und bedrohlich und wie ein uneinnehmbares Hindernis vor ihm wirke. Und weil ich trotzdem bei mir bin merke ich jetzt den Gewichtsverlust, weil ich einfach diese aufgeblasene Dimension nicht mehr zusammenbekomme. Ich grinse innerlich. Und so stehen sich der Typ und ich Auge in Auge gegenüber. Ich in leicht abgespeckter Form, ohne aufgeblasenes Körperbewusstsein, dafür mit eisernem Willen.
Und da stehe ich und lasse ihn nicht wegfahren, und ich komme mir vor wie damals mit 17 in Zwentendorf und in der Hainburger Au.

Und weil die Sache unterbrochen werden muss um weitergehen zu können, kommt die Polizei und läßt die beiden Autotüren öffnen.
Und so kommt’s, dass ich einen Teil der verschwunden Sachen wieder zurückbekomme.
Die zwei Polizisten sind in Ordnung, der Typ fängt zu jammern an, dass er nur den Auftrag der Mieterin ausgeführt hat.
Nach guten eineinhalb Stunden sind wir fertig. Er soll sich schleichen.



Kommentare:

  1. Liebe ganga, das war sehr mutig von Dir! Sich da nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, ist eine Meisterleistung!

    Liebe Grüsse
    Clara

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Clara, ich kenne ähnliche Situationen aus meiner Arbeit, da tue ich mich damit auch leichter. Aber es war schon sehr aufregend. Liebe Grüße, Ganga

    AntwortenLöschen