Seiten

Montag, 27. März 2017

Peter

Ich weiß, jetzt habe ich wieder 14 Tage nichts gepostet und ich schimpfe mich dafür, dass ich meinen Blog vernachlässige. Es ist halt so, dass ich viel erlebe, jeden Tag sind andere Dinge los, aber es sind keine netten und schönen Sachen, weswegen ich sie dann nicht veröffentlichen wollte.
Da ich aber meinen Blog gerne weiter führen möchte, habe ich mich entschlossen, diese dann nicht positiven Erlebnisse aufzuschreiben. Wem's einfach zu viel wird, der braucht's ja nicht zu lesen.

Was Harmloses ist, dass der Mann feststellt, dass ich am Wochenende so faul war, dass ich nicht einmal den Geschirrspüler ausgeräumt habe. Ja stimmt, aber andere Dinge waren wichtiger.
Was denn? Nichts wichtiges, aber einmal wieder eine Freundin besuchen, lange Schlafen, obwohl ich schaue wegen dem auch nicht ausgeschlafener aus, sondern wirke eher vernichtet. Und vor allem, dass ist es nämlich, einige Erlebnisse verdaue ich, das sind aber die harmloseren, und vor den anderen intensiveren Erlebnissen mache ich meine Augen noch ganz zu. Was aber nicht von Dauer sein kann, denn ich muss mich mit den unangenehmen Angelegenheiten sehr bald beschäftigen.

Ich mach es hier auch mal so. Ich erzähle dass, was im Prinzip nicht schlimm ist. Eigentlich eine Sache, die ich als Profi kenne und zum Glück nicht oft erlebe:

Ich hatte bereits ein eigenartiges Gefühl bekommen, weil ich von Peter (der Name ist natürlich geändert, aber ich finde es mit Namen immer viel griffiger) seit zwei Tagen nichts mehr gehört habe. Er hat vom Wohnungsamt eine Genossenschaftswohnung zugewiesen bekommen, auf die er Jahre gewartet hat.

Als ich Peter traf, war er seit 6 Jahren obdachlos. Er zog mit seinem Einkaufswagen, in dem er seine Habseligkeiten hatte, durch die Stadt. Immer die gleichen Wege, die gleichen täglichen Stationen, wo er sich sein Essen holen, wo er die täglichen Zeitungen kostenlos lesen konnte, ... .
Er kannte die Leute, die immer den selben Weg gingen, begrüßte sie, merkte, wenn einer zu einem anderen Zeitpunkt des Weges ging und über die Jahre kannten die Leute auch ihn. Er war freundlich, selten schlecht gelaunt. Ein Überlebenskünstler. Aber doch auch einer, der auf der Straße gelandet ist.

Vor zwei Jahren wurde ich vom Sozialarbeiter eines Krankenhaus angerufen: "Ganga, ich habe da jemanden der Unterstützung braucht. Er ist nicht ganz einfach, aber ich habe den Eindruck, dass ihr beide miteinander gut könntet. Magst du ihn dir anschauen? Darf ich ihn dir schicken?"

Peter mochte mich nicht und mich ging dieser überhebliche Kerl auch an. Trotzdem zog er in die Übergangswohnung. Zwei Mal hat er mir den Wohnungsschlüssel wieder zurückgebracht, weil ihm etwas missfiel was ich machte. Gut, ich bin auch nicht immer einfach und wenn man doch enger miteinander zu tun hat, lerne nicht nur ich den Menschen kennen sondern der auch mich. Das ich nicht nur gut schmecke sondern auch einmal hantig sein kann, ist da auch drinnen und Missverständnisse kann es auch geben. Und Peter trieb mich am Anfang unserer "Arbeitsbeziehung" immer wieder mal an eine Grenze. Erst als er mich authentisch erlebte, meine Grenzen bemerkte und ich ein Menschen zum Angreifen für ihn wurde, wurde er geschmeidiger.

Über die letzten beiden Jahre kam er immer regelmäßiger zu mir ins Büro, die Uhr konnte ich nach ihm stellen. In die Wohnung selber bin ich nur selten gegangen, denn sobald ich abgecheckt hatte, dass es ihm sehr wichtig ist, alles sauber zu haben, sah ich keine Notwendigkeit mehr in seinen privaten Bereich einzudringen (my home is your castle).

Und vor kurzem wurde ihm eine Gemeindewohnung zugewiesen. Er hat darauf gewartet, sich gefreut wie ein Schneekönig. Die Lage ist super, die Größe der Wohnung toll, eine Heizung gibt es, der Mietpreis ist sehr niedrig weil Altbau und dass heißt auch eine super Raumaufteilung und echte Ziegelwände!!!!
Wir haben gemeinsam die Anträge ausgefüllt, Ansuchen um Kostenübernahme der Kaution etc., alles wurde bewilligt, Peter hatte viele Rennereien.
Ich hatte schon den Eindruck, dass etwas komisch ist. Er verhielt sich zu unproblematisch, zu freudig. Ich schüttelte insgeheim den Kopf und meinte, da stimmt etwas nicht. Irgendetwas stimmt da nicht, das geht mir zu glatt, da passt was nicht.
Und dann kam der Tag der Wohnungsübergabe. Und Peter kam nicht.
Ich raufte mir die Haare, schimpfte im Auto vor mich hin, immer größer wurde meine Sorge um ihn und ich raste zur alten Wohnung.
Die Wohnung die noch vor 5 Tagen zusammengeräumt und sauber war, sah aus wie ein Schlachtfeld. Seine gepackten Sachen waren aus den Kartons gefetzt, Bierflaschen und Müll, alles in der Wohnung verteilt, eine Überschwemmung muss es im Bad gegeben haben, ... also es sah ganz übel aus und mitten drinnen Peter, der zusammengekrümmt auf der aufgeschlitzten Matratze liegt, aus der der Schaumstoff herausquillt.

Er hat das Handy an die Brust gepresst. Flüstert vor sich hin, dass er nicht gehen kann. Als er mich sieht, hebt er den Kopf und fängt wieder zu weinen an:
"Ganga, es tut mir so leid, aber ich kann nicht gehen, ich kann ohne dich nicht leben."


"Ich kann ohne dich nicht leben": Bekenntnis der Liebe oder der Hilflosigkeit?

(*1932), Dr. phil., Schweizer Publizist und Aphoristiker
Quelle: Reinhardt, Gedankensprünge. Aphorismen, Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 2003



Es hat drei Tage gebraucht .... es ist soweit gut gegangen.


Ich drück jetzt ohne Korrekturlesen auf den Button.

Kommentare:

  1. Moin Ganga, jetzt fehlen mir ein wenig die Worte. Peter hat vielleicht in Dir zum ersten mal seit langer Zeit einen Menschen gefunden, der sich in seinen Augen für ihn interessiert? Ach, er tut mir leid. Ich hoffe, ihr findet einen guten Weg in dieser Sache. Ist ja nicht einfach.

    Tja, ansonsten... Ich verstehe, dass Du die negativen Dinge hier nicht ausbreiten willst, aber wenn nicht hier - wo dann? Wir sind doch alle erwachsen und wenn es einem zuviel ist, dann liest er halt mal nicht mit. Was soll es? Aber Du musst Dich wohlfühlen mit dem, was Du hier von Dir preis gibst. Ich lese Dich jedenfalls immer gerne, auch die weniger schönen Geschichten.

    Sei lieb gegrüsst,
    Clara

    AntwortenLöschen
  2. Danke, dass Du es aufgeschrieben hast. Es berührt mich.
    Viele liebe Grüße
    Oona

    AntwortenLöschen
  3. Eine traurige Geschichte. Gut, dass du sie
    aufgeschrieben hast.
    Einen schönen Restabend wünscht dir
    Irmi

    AntwortenLöschen
  4. Au weia, liebe Ganga; kein Wunder, dass dich da mitgenommen hat.
    Ich hoffe, inzwischen hat sich die "Lage" wieder beruhigt?
    Herzliche Rostrosengrüße und ein erholsames, entspannendes Wochenende mit nur POSITIVEN Erlebnissen,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2017/03/namibia-teil-13-endspurt-mit-geparden.html

    AntwortenLöschen